| von Vera T. |
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Was bedeutet Gothic, was ein diffuser Ausdruck wie schwarze Szene eigentlich? Was bedeutet Schwarz-Sein und kann man darüber überhaupt noch diskutieren? Ich erlebe es oft, wie unterschiedlich die Auffassungen und Gefühle bei den Menschen in der Szene sind, wie individuell jeder Partizipierende ist und wie abweichend die unterschiedlichen Richtungen innerhalb der Szene sind, so dass ich den kleinsten gemeinsamen Nenner, den alle Grufties oder Gothics gemeinsam haben, nicht in irgendeiner Richtung definieren könnte. Es ist offenbar nicht die schwarze Kleidung, denn ich habe schwarze Freunde, die äußerlich nicht oder nicht mehr als Gothics zu identifizieren sind, innerlich aber schwärzer sind als viele Partygänger. Es ist wohl auch nicht die Musik, denn ich kann dem großen Bereich des Electro-Industrial nichts abgewinnen und fühle mich den Anhängern dieser Richtung auch nicht irgendwie verbunden und dennoch treffe ich sie auf regelmäßig stattfindenden Parties und wir können ein Bierchen zusammen trinken und verstehen uns sehr gut. Und amüsieren uns. Auch wenn sich die Szene in dieser Hinsicht mittlerweile in zwei Bereiche aufgeteilt zu haben scheint und gemischte Parties kaum noch stattfinden, würde ich nicht zögern, beide Bereiche als der Gothic-Szene zugehörig zu bezeichnen. Es sind für mich sicher auch nicht die gemeinsamen Gefühle oder der "Tiefgang", der alle Schwarzen kenn- bzw. auszeichnet. Meine nicht-schwarzen Freunde sind ebenfalls emotional und zu denselben tiefen Gefühlen fähig wie ich und viele andere Gothics. Und dann wird häufig auch eine besondere Affinität zum Tod oder zur Vergänglichkeit, sprich Vanitas-Symbolik etc. von der schwarzen Szene herausgestellt, aber das allein kann es meiner Ansicht nach auch nicht sein, denn auch diese Verbundenheit oder sagen wir mal, Antennen finden sich auch bei vielen Nicht-Schwarzen. Was kennzeichnet Gothic aber, wenn so Vieles für die Definition ungeeignet erscheint? Es könnte der Wunsch nach Abgrenzung sein, der die meisten Schwarzen eint. Ein gemeinschaftlich erlebtes Gefühl, dass die Lebensmodelle, die einem angeboten werden, nicht ausreichen, nicht gewollt sind und abgelehnt werden. Ich stelle für mich fest, dass es trotz vieler Jahre schwarzer Szene immer noch schwer für mich ist, mich mit meiner nicht-schwarzen Umwelt zu arrangieren. Ich muss Konzessionen machen. Das ist Unfreiheit, für die ich unsere Gesellschaft verantwortlich mache. Dass die Gesellschaft Grufties regelmäßig als Satanisten entdeckt, dass lediglich einmal im Jahr so etwas wie Interesse an der Szene hochkommt, nämlich zum Wave-Gotik-Treffen, dass wir einmal satirisch als "Gespenster" bezeichnet werden, ein anderes Mal als "Kindermörder", finde ich immer noch lästig und traurig. Aber ich wehre mich nicht mehr dagegen, denn die Frustration über die Intoleranz der Gesellschaft wurde abgelöst von einer Haltung à la "Sollen sie doch denken, was sie wollen". Und wenn mich doch manchmal jemand aus ernstem Interesse fragt, der/die nichts mit der Szene zu tun hat, was es denn eigentlich damit auf sich hat, dann bin ich meistens sprachlos. "Sieh es Dir selbst an, lerne andere Gothics kennen, lerne mich kennen, komm auf die Parties oder Festivals, hör Dir die Musik an, mach Dir selbst einen Eindruck", ist das Einzige, was ich diesen Interessierten jetzt sage, wenn sie fragen. Denn ich bin der Auffassung, dass die schwarze Szene nur zu verstehen ist, wenn man selbst an ihr teilnimmt. Das werden auch wissenschaftliche Arbeitsgruppen von Soziologen oder gar Psychologen sicher nicht ändern. Erklärungen wie etwa Hinwendung zum Tod, traurige Erlebnisse in der Kindheit, technologie- und zukunftsfremd, rückwärtsgewandt, intellektuell, melancholisch etc. gibt es ja schon hinlänglich von Szenefremden, ohne dass ich denke, dass diese Erklärungen den Kern der Sache auch nur annähernd beschreiben. Gefühle kann man eben häufig verbal nur schwer vermitteln, erst recht an Menschen, die diese Gefühle nicht nachvollziehen können. Was für mich wichtig ist, das ist die so bezeichnete "schwarze Familie", ein vielleicht alberner Begriff, für mich aber unter symbolischen Gesichtspunkten betrachtet sicher treffend. Diese Familie existiert im kleinen Bereich, nämlich hier an meinem Wohnort, wozu Freunde und Bekannte zählen, mit denen ich mich mehr oder minder regelmäßig treffe, mit denen ich auch außerhalb der Diskotheken Kontakt habe und die ich alle relativ gut kenne. In einem größeren Rahmen ist diese Familie weltumspannend. Ich glaube, es ist eigentlich gleichgültig, in welchem Land der Welt man sich als Gothic befindet. Existiert dort eine schwarze Szene, kann man recht schnell Kontakte knüpfen aufgrund eines bestimmten Zusammengehörigkeitsgefühls, das einerseits für Gemeinschaft sorgt, andererseits aber auch einengend wirkt. Der schwarze Bereich ist eben nicht alles. Was ist, wenn er wegfällt? Was ist positiv bzw. negativ am Dasein als Gothic? Für mich stelle ich immer wieder fest, dass sich die positiven Dinge in meinem Leben hauptsächlich auf "schwarze Familiendinge" beziehen. So gesehen gibt mir diese Familie Kraft und Sinn. Daneben existiert natürlich auch noch der schwarze Bereich in meinem Leben, in dem andere Menschen überhaupt keine Rolle spielen. Mein eigenes schwarzes Selbst, das von anderen Menschen gar nicht berührt wird. Vielleicht ist hier der Ort zu lokalisieren, aus dem mein ganzes Schwarzsein überhaupt resultiert. Diese "schwarzen" Tage oder Momente erlebt sicher jeder ganz persönlich und wahrscheinlich genau so allein wie ich auch. Vielleicht teilt man auch mit den anderen Gothics genau dieses Bewusstsein, dass diese ganz schwarzen Momente der Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit für fast alle existent und präsent sind. Auch wenn kaum darüber gesprochen wird. Die Songtexte der schwarzen Gruppen sind allerdings voll davon und vermutlich der Grund dafür, dass sich die Lieder nur in der schwarzen Szene verkaufen lassen. Was bleibt ist das diffuse Bewusstsein darüber, dass man nicht allein mit seinen negativen Gefühlen ist, auch wenn man nicht oder nur schlecht darüber reden kann. Aber dieses Bewusstsein besteht und hilft, trotz aller Schwierigkeiten weiter zu machen. Das ist für mich auch eine Art von Gothic Aid. Wenn mehrere da sind, die einem kommentarlos zur Seite stehen und Hilfe anbieten, ist das einfach überwältigend. So viel Liebe, Gemeinsamkeit und Verstehen habe ich nie in meinem Leben erfahren können wie gerade in meiner schwarzen Familie. Natürlich ist nicht alles wunderbar. Natürlich sind nicht alle Schwarzen gleichermaßen meine Freunde, natürlich erlebe ich auch hier Enttäuschungen und Ablehnung. Das kann auch gar nicht anders sein. Was bleibt in Bezug auf Gothic und Gothic Aid? In der Szene fühle ich zumindest deutlich die Bereitschaft, mit allen zu teilen, was man hat. Das gilt für materielle Dinge, für Musik, für Gefühle und für Aktionen. Gothic Aid ist meiner Meinung nach genau hier an der richtigen Stelle. Vielleicht eine logische Folge von längst vorhandenen Dingen. Ich bin mir sicher, dass viele Grufties davon angesprochen werden können, wenn die Zielgruppe für die Hilfe vermittelt werden kann. Ich denke, dass es für die meisten eine Sache ist, für die es sich zu engagieren lohnt. Für die, die sonst niemanden haben. Ist flüchtig, wie ein Furz im Wind. Laß sie denken, was sie wollen, Es gibt Dinge, die wirklich wichtig sind!" -Anna Varney- (Sopor Aeternus) |
